Egal auf welcher Medienmesse man derzeit über die Stände schlendert, jeder hat so seine eigene technische TV-Vision im Köcher. Und irgendwie sieht alles ein bisschen ähnlich aus: Es werden immer wieder Anwendungsbeispiele in neue technische Umsetzungen gepackt. Über die Jahre werden alle etwas schicker und doch bleiben die meisten immer noch ziemlich holzig in der Nutzung. Geht man jedoch einen Schritt zurück und konzentriert sich nicht auf die jeweilige technische Umsetzung, dann fällt eines auf: Irgendwie fehlt der Glamour. Keine Spur vom großen TV-Theater. Nicht mehr Entertainment durch neue interaktive Features, sondern eher ein bisschen mehr funktionelles Rahmenprogramm prägen das Bild.
Warum ist das so? Eigentlich sollte man meinen, dass einer Unterhaltungsindustrie, die sonst jeden Trend sofort aufnimmt und ihn entsprechend in Szene setzt, nichts mehr zu pass kommen sollte, als ein umfangreiches Paket an neuen Fiktionalitäten.
Das Bild ähnelt etwas der Situation man hat eine tollen neuen Rennwagen konstruiert, nur leider findet sich keine Team, das damit an den Start gehen will.
Geht man auf Spurensuche für diese doch sehr verhaltene Annahme neuer Techniken, so stößt man gleich auf mehrere mögliche Ursachen.
Mögliche Ursache 1: Der Tunnelblick. Vergleichbar der Situation im Medium Print. Zu lange haben die Entscheider im eigenen Saft gekocht und die Entwicklungen speziell im Internet ignoriert oder verharmlost. So ist es nicht verwunderlich dass ALLE medialen Innovationen der letzten Jahre ausnahmslos nicht aus klassischen Medienhäusern stammen. Bei TV könnte hier noch eine gewisse Überheblichkeit hinzu kommen. Schließlich steht man schon lange an der Spitze der medialen Nahrungskette.
Mögliche Ursache 2: Die Kurzfristigkeit. Wer kennt nicht den Druck von Quartalszahlen? Zumal in der Krise. Diese kurzfristige Rentabilitätsbetrachtung der letzten Jahre sieht man der Produktentwicklung an. Was nicht innerhalb von 6-12 Monaten Geld in die Kasse spielt, bleibt zumeist auf der Strecke. Aus einer persönlichen Perspektive ist das durchaus nachvollziehbar. Denn was habe ich vom schönsten Projekt, wenn ich am Ende nicht mehr auf den Stuhl sitze,  um die Lorbeeren zu ernten? Aus einer langfristigen Unternehmensperspektive könnte der Schuss nach hinten los gehen. Denn wie viele mediale Entwicklungen der letzten Jahre gezeigt haben, kann es plötzlich sehr schnell gehen und dann ist es fraglich, ob sich das fehlende Know-How schnell genug aufbauen lässt.
Mögliche Ursache 3: Big Money und small Money. Im TV denkt man gewohnheitsmäßig groß. Klein passt einfach nicht ins Konzept. Alle wichtigen Wertschöpfungsmodelle sind auf Reichweite ausgerichtet. So ist es nicht verwunderlich, dass die erste Frage fast immer lautet. Wie groß ist die Reichweite? Und wer hier nicht gleich mit einem zweistelligen Millionenbetrag aufwarten kann, erntet keine Begeisterung. Es entsteht der Eindruck, als hätte man für diese kleinen Losgrößen einfach nicht das richtige Werkzeug. Die Schraubenschlüssel sind eben alle eine Nummer größer.
Mögliche Ursache 4: Gatekeeper. Wenn TV, dann nur mit uns. So denken die meisten TV-Sender heute. Und aus dieser Position heraus lässt es sich leicht abwarten, was die Zukunft bringt. Aber auch hier könnte es böse Überraschungen geben. Nachdem das Wohnzimmer heute immer stärker über Breitband versorgt wird, könnte hier ein gefährliches Leck entstehen. Heute wird dieser Kanal in erste Linie für Web-Inhalte genutzt, aber prinzipiell könnte jegliches Unterhaltungsangebot zukünftig unabhängig von Kabel oder Satellit übertragen werden. Und wie stabil die Monopolstellung bei der Bereitstellung von Inhalten ist, wird die Zukunft zeigen. Schon heute denken viel Produktionsfirmen an eine direkte Vermarktung ihrer Inhalte nach.
Vier mögliche Gründe. Vielleicht ist es am Ende ein Mix aus vielen Aspekten. Sicht ist aber, dass sich hinter dem Thema „Interaktives Fernsehen“ deutlich mehr Faszination verbirgt als man den interessierten Konsumenten heute präsentiert. Es bleibt daher zu hoffen, dass doch noch einer den Versuch wagt, und die ganz große Show inszeniert. Und erst dann wir man sehen …